Geschichte

Wir sind, was wir geworden sind. Zukunft braucht Herkunft! 

 

Einige unserer Mitgliedsvereine feierten bereits ihr 150jähriges, sehr viele ihr 100jähriges Bestandsjubiläum. Wir sind also ein Verband mit großer Tradition und Geschichte, auf die wir gerne zurückblicken. Allerdings ist uns bewusst, dass man, wenn man immer nur zurück blickt, nicht sieht, wohin man geht und so leicht die Orientierung und das Ziel aus den Augen verlieren kann.

Der Österreichische Turnerbund (ÖTB) wurde 1952 im Pollheimer Schlössl in Wels feierlich gegründet und feierte heuer mit dem Bundesturnfest in Innsbruck sein 60jähriges Bestehen. Das passt auf den ersten Blick nicht zu den so viel älteren Vereinen, lässt sich allerdings einfach erklären:

Von Jahn zum ÖTB - der Beginn der Turnbewegung unter Turnvater Jahn

Die Turnbewegung entstand in der Zeit, als Napoleon ganz Europa beherrschte und sollte die Menschen dazu befähigen, in den kommenden Befreiungskriegen den Sieg davonzutragen und die deutschen Kleinstaaten von der französischen Fremdherrschaft zu befreien. Die Idee dazu hatte ein damals 33 Jahre alter Lehrer namens Friedrich Ludwig Jahn. Er entwarf Turngeräte und legte 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz der Welt auf der Hasenheide in Berlin an, wo er zuerst Schüler um sich scharte und ihnen Übungen zeigte. Um dieser neuen Form der körperlichen Betätigung auch einen theoretischen Unterbau zu geben, verfasste er (mit Ernst Eiselen) 1816 das Buch “Die deutsche Turnkunst”.

Der „Vater des Deutschen Turnens” Friedrich Ludwig Jahn wurde am 11. August im Jahre 1778 in Lanz bei Lenzen (Mark Brandenburg) als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Er studierte an den Universitäten Halle, Berlin und Frankfurt und wurde Lehrer und Erzieher. Als Zeichen des gemeinsamen Wollens tragen die Turner seit Jahns Zeiten eine einheitliche Turnkleidung. Sechs Jahre vor dem Tode Jahns am 15. Oktober 1852, wurden die 4 F als Turnerkreuz auf dem Turnfest in Heilbronn gezeigt. Die 4 F stehen für den Turnerwahlspruch: Frisch, fromm, fröhlich, frei.

Sein “Turnen” (so der Name, den er seiner Sportart gab) trug sozialrevolutionäre Elemente in sich: Alle Turner waren per Du und trugen die gleiche Bekleidung, soziale Klassen gab es auf dem Turnplatz nicht. Sie bezeichneten sich als “Turnbrüder”, um die enge Verbundenheit auszudrücken, seit 1817 grüßen sie sich mit dem Turnergruß “Gut Heil” und drücken damit aus, dass der Gegrüßte “heil bleiben” und Erfolg haben solle. Noch heute wünschen wir unseren Turngeschwistern mit diesem Gruß Glück und Gesundheit.

Im Lauf der Zeit entstanden im gesamten deutschen Sprachraum Turnvereine, die sich zur “Deutschen Turnerschaft” zusammenschlossen. In Österreich kam es 1860 mit dem “Oktoberdiplom” zur Freiheit der Vereinsgründungen, sodass 1869 bereits 104 Turnvereine bestanden. Diese traten als “Kreisverband der Turnvereine Deutschösterreichs” 1868 der “Deutschen Turnerschaft” bei.

1893 kam es zu einer Spaltung, aus der der “Deutsche Arbeiter Turn- und Sportbund” (heute ASKÖ) hervorging, 1911 entstand dann auch aus einer Spaltung die “Christliche Deutsche Turnerschaft” (heute Sportunion). In der Zwischenkriegszeit kam es teilweise zu Wiedervereinigungen unter dem Namen “Deutscher Turnerbund (1919)”, dieser Verband vereinte 1932 825 Turnvereine unter seinem Dach.

Durch die nationale (großdeutsche) Grundeinstellung der damaligen Turnvereine waren sie ein leichtes Ziel für die Pläne der NSDAP, bestehende Organisationen zu unterwandern und für ihre Zwecke zu benutzen. So wurde der Turnerbund eine der wichtigsten Vorfeldorganisationen der Partei, vielfach waren in den Turnräten (den Führungsgremien) von Vereinen nationalsozialistische Politiker vertreten, die nicht davor zurückscheuten, diese ganz offen für parteipolitische Tätigkeiten einzusetzen. So wurden 1933 in Österreich 64 Turnvereine wegen “nationalsozialistischer Betätigung” aufgelöst, was allerdings bei einigen 1934 wieder rückgängig gemacht wurde.

Mit dem “Anschluss” Österreichs an das Deutsche Reich fand die Eigenständigkeit der Turnvereine dann ihr Ende: Sie wurden in den “Deutschen Reichsbund für Leibesübungen” eingegliedert und durften keine Jugendgruppen mehr betreiben.

Am 26. Oktober 1946 wurden alle ehemaligen Mitgliedsvereine des “Deutschen Turnerbundes (1919)” als nationalsozialistisch eingestuft und verboten. Ihr Vereinsvermögen (Turnhallen und -geräte, Grundstücke, …) wurde zugunsten der Republik eingezogen und sollte nur für turnerische Zwecke verwendet werden.

Ab 1948 fand sich der so genannte “Siebenerausschuss” (der später zum “Neunerausschuss” wurde) mit dem Ziel zusammen, diese Vermögenswerte für die teilweise bereits wieder erstandenden Vereine zurück zu erhalten und einen neuen Dachverband für die Turnvereine zu schaffen, die nicht den parteipolitischen Organisationen ASKÖ und Sportunion beitreten wollten. Dies gelang erst am 6. Juli 1952, als der “Österreichische Turnerbund” als völlig neuer Dachverband, der keine organisatorische Nachfolge der früheren Turnverbände darstellt, gegründet wurde.

Ab 1949 waren bereits zahlreiche Turnvereine wieder entstanden, die sich daran machten, ihr Eigentum wieder zurück zu bekommen, was in den meisten Fällen auch gelang. So stand dem Wiederaufleben des Turnbetriebs nichts mehr im Wege.

 

Von Jahn zum ÖTB - die Gründung des ÖTB

Am 8. Mai 1952 wurden die Satzungen des Österreichischen Turnerbundes (ÖTB), der von einigen Vereinen in Wels gegründet wurde und seinen Sitz in Linz hat, staatspolizeilich und vereinsbehördlich genehmigt.

Der “Turngau” Oberösterreich veranstaltete von Beginn an Turnfeste um seinen Mitgliedsvereinen die Möglichkeiten zu bieten, sich miteinander zu messen und Kontakte zu knpüfen, bereits 1953 fand das erste “Verbandsturnfest” in Wels statt. Bis heute folgten ihm zwölf weitere Gau- bzw. Landesturnfeste. 1972 begannen in Oberösterreich die Turnfeste für die Turnerjugend: Man traf sich in Perg, um gemeinsam zu turnen und zu feiern. Seit damals findet alle fünf Jahre ein Landesjugendturnfest statt.

Am Gauturntag 1993 in Haag am Hausruck wurde beschlossen, die Bezeichung “Turngau” durch “Landesverband” zu ersetzen, da der Begriff “Gau” nicht mehr zeitgemäß erschien. Seit diesem Zeitpunkt lautet unser Name also “ÖTB Landesverband Oberösterreich”, kurz “ÖTB OÖ”.


Ein wichtiger Meilenstein für das Turnen in Österreich war die Schaffung des ersten einheitlichen Breitenturnprogramms 2008: Der österreichische Fachverband für Turnen (ÖFT) veröffentlichte das neue österreichischische Turnprogramm “Turn 10” . An der Entwicklung waren Turnexperten aus allen Dachverbänden Österreichs (Union, ASKÖ, ASVÖ) beteiligt, darunter auch einige Mitglieder des ÖTB OÖ. Seitdem boomt das Gerätturnen wie nie zuvor und seit 2011 verwenden auch alle Schulen das adaptierte "Turn10 Schule" Programm.

 

Nähere Informationen:

Webseite Friedrich Ludwig Jahn Museum: http://www.jahn-museum.de/

 

Literatur:

Atzmanninger, G.(2007): Die Geschichte des ÖTB. Linz: ÖTB Bundesgeschäftsstelle.